Abrechnung nach Zeitaufwand oder auf Projektbasis

Professional translators must therefore redouble their efforts to make it clear that they are service providers and counter the commoditisation of their world. Among other things, this means they should seek to charge for their services on an hourly or project basis and not per word, line or page translated.

Auszug aus dem Positionspapier der International Federation of Translators

Absolut einverstanden: Wir Übersetzerinnen und Übersetzer müssen dem breiten Publikum und den Auftraggebern klar machen, dass Übersetzungen keine Massenprodukte sind (siehe auch Übersetzungen sind keine Produkte oder Auch 100%-Matches gehören zur Übersetzung).

Die Abrechnung im Stundenhonorar oder auf Projektbasis ist eine Möglichkeit, die Wertschätzung unserer Arbeit zu verbessern und gegen die Kommoditisierung vorzugehen. Diese Abrechnungsmethode unterstreicht nämlich, dass der Auftraggeber keine Wörter einkauft, sondern für die Fähigkeit der Übersetzerin oder des Übersetzers bezahlt, auf der Grundlage des Ausgangstextes einen Text in der Zielsprache zu schaffen, der die vom Auftraggeber gewünschte Funktion erfüllt.

Diese Abrechnungsmethode hilft zudem, die Rollen klarer zu verteilen: Die Übersetzerinnen und Übersetzer sind in der Rolle des professionellen Dienstleistungserbringers und geben den Preis für Ihre Dienstleistung vor, wie dies beispielsweise Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte tun. Der Auftraggeber kann dann das offerierte Honorar akzeptieren, ablehnen oder zu verhandeln versuchen. Es ist aber nicht an ihm, anstelle der Übersetzerin oder des Übersetzers den Preis oder die Details der Berechnungsgrundlage festzulegen. Genau dies geschieht aber, wenn der Auftraggeber bei einer Abrechnung nach Wort oder Normzeile zum Beispiel Abzüge für vollständige oder Fuzzy-Matches verlangt (und somit festzulegen versucht, wie viel die Übersetzerin oder der Übersetzer für was in Rechnung stellen darf). Die Abrechnung im Stundenhonorar wirkt dem entgegen. Gleichzeitig wird der Auftraggeber automatisch in den Genuss eines tieferen Endpreises kommen, falls Übereinstimmungen mit den Segmenten im Übersetzungsspeicher dazu geführt haben, dass die Übersetzung weniger Zeit in Anspruch nahm.

Kurzum, selbst wenn die Übersetzerin oder der Übersetzer für eine Übersetzung im Stundenhonorar letztlich gleichviel erhält, wie wenn sie oder er nach Wort oder Normzeile abgerechnet hätte, sehe ich einen gewichtigen psychologischen Unterschied zwischen beiden Abrechnungsmethoden, der für eine Abrechnung nach Zeitaufwand oder auf Projektbasis spricht.

Ist der Zug abgefahren?

Stellt sich die Frage, ob es heute noch möglich ist, für Übersetzungen die Abrechnung nach Zeitaufwand oder Projekt zur Regel zu machen, nachdem die Abrechnung nach Wort, Zeile oder Seite während Jahrzehnten die Norm war.

Vor allem aber: Wie sollen freischaffende Übersetzerinnen und Übersetzer der Abrechnung nach Zeitaufwand zum Durchbruch verhelfen, wenn sogar Berufsverbände explizit die Normzeile als übliche Berechnungsgrundlage anführen und nur für sogenannte Mehrwertdiensleistungen1 wie Korrekturlesen, Überarbeiten oder Formatierung Stundenhonorare vorsehen?

Beispiele dafür wären der Honorarspiegel des österreichischen Verbands Universitas, die Hinweise zur Preisgestaltung des deutschen Bundesverbands der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ) oder die Tarifempfehlung des Schweizerischen Übersetzer-, Terminologen- und Dolmetscherverbands (ASTTI).

Stellungnahme der Berufsverbände

Vor der Publikation dieses Beitrags schrieb ich die drei erwähnten Berufsverbände an, um deren Position in Erfahrung zu bringen.

Der Vorstand des ASTTI äusserte sich wie folgt:

Die Idee, die im Übersetzungsmetier allgemein übliche Abrechnungsmethode zu ändern und dadurch einen höheren Marktwert der Arbeitsleistung und ein besseres Ansehen des Berufsstandes erreichen zu können, ist auf den ersten Blick bestechend. Der Vergleich zu anderen Dienstleistern, die ihre Leistungen pro Stunde verrechnen, ist durchaus gerechtfertigt.

Aber kann dieses Ziel tatsächlich durch die Änderung des Abrechnungsmodus erreicht werden?

Für die stundenweise Berechnung der Übersetzungsleistungen werden hauptsächlich zwei Argumente werden angeführt:

  1. Die Übersetzerinnen und Übersetzer sind in der Rolle des professionellen Dienstleistungserbringers und geben den Preis für Ihre Dienstleistung vor. Auftraggeber können das offerierte Honorar akzeptieren, ablehnen oder zu verhandeln versuchen.
  2. Abzüge – z. B. für vollständige oder Fuzzy-Matches - können nicht mehr verlangt werden. Somit kann nicht mehr der Kunde festlegen, wie viel die Übersetzerin oder der Übersetzer für welche Leistung in Rechnung stellen darf.

Aus Sicht des ASTTI ist nicht von Vornherein klar erkennbar, inwiefern die Abrechnungsmethode hier eine Rolle spielt, denn unabhängig hiervon sind sowohl die Übersetzungsdienstleistenden wie auch deren Kunden grundsätzlich immer frei, ein Honorar zu akzeptieren, abzulehnen oder zu verhandeln.

Wird also die Wahrscheinlichkeit, dass sich Kolleginnen und Kollegen auf dem hart umkämpften Übersetzungsmarkt gegenseitig unterbieten, bei stundenweiser Abrechnung geringer?

Aus Sicht des ASTTI ist nicht erkennbar, dass dies der Fall sein wird. Im Gegenteil: Wenn Berufsanfängerinnen und –anfänger, die für ihre Arbeit generell noch mehr Zeit benötigen als erfahrene Kolleginnen und Kollegen, nach Zeiteinheiten verrechnen sollten, wäre für sie der Berufseinstieg noch schwieriger, denn sie müssten – bei ehrlicher Abrechnung – mehr Stunden berechnen als erfahrene Übersetzerinnen und Übersetzer. Die Gefahr ist also gross, dass sie weniger Stunden verrechnen, als sie tatsächlich benötigen, um wettbewerbsfähig zu sein, was zu einer versteckten Selbstausbeutung führen könnte und sie deutlich benachteiligen würde. Eine Abrechnung pro Zeile oder Wort scheint hier der erbrachten Leistung eher gerecht zu werden. Sie bietet den Übersetzerinnen und Übersetzern, aber auch den Kundinnen und Kunden eine gewisse Planungssicherheit. Diese wird insbesondere von Kunden oft sehr geschätzt.

Darüber hinaus ist zu bedenken, dass es oftmals auch für erfahrene Übersetzerinnen und Übersetzer nicht möglich ist, im Voraus präzise anzugeben, wie lange man für eine Übersetzung benötigen wird. Nicht selten glaubt man beim ersten Durchlesen eines Textes, er sei weniger anspruchsvoll als es sich im Verlauf der Arbeit herausstellt. Wie soll man in einem solchen Fall dem Kunden begreiflich machen, dass ein Mehrfaches an Stunden benötigt und er dafür zur Kasse gebeten wird?

Wo wollen wir die Grenze ziehen und entscheiden, ob diese oder jene Recherche noch durchgeführt wurde, um textbezogene, übersetzungsrelevante Fragen zu klären, oder ob wir uns bei der Recherche im Internet ablenken liessen und seit geraumer Zeit dort Dinge lesen, hören oder sehen, die nichts mehr mit dem eigentlichen Auftrag zu tun haben? Und … wie lange tun wir das jetzt gerade schon? Wie viel Zeit müssten wir also von unserer Berechnung abziehen? Oder sollten wir auch unsere «Leerlaufzeiten» auf die Rechnung setzen? Das dient vermutlich weder der Planungssicherheit noch der Kundenbindung.

Übersetzer und Übersetzerinnen, die per Zeiteinheit abrechnen, geraten deutlich schneller unter (gefühlten) Zeitdruck. Damit berauben sie sich unter Umständen auch der Möglichkeit, dringend benötigte kreative Pausen einzulegen, um hinterher ein qualitativ besseres Arbeitsergebnis zu erzielen.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie hoch das Honorar pro Zeiteinheit jeweils sein sollte und ob für verschiedene Tätigkeiten (Übersetzen, Recherche, Korrekturgänge, etc.) auch verschiedene Honorare veranschlagt werden sollten.

Die Verrechnung eines Wort- oder Zeilenpreises bietet allen Beteiligten eine gewisse Sicherheit. Unabhängig davon besteht darüber hinaus durchaus die Möglichkeit, auch Mischkalkulationen aus Zeilenpreis und Zeitaufwand zu erstellen, wie dies bei formatierungsaufwändigen Dokumenten (z. B. Powerpoint-Präsentationen) durchaus praktiziert wird.

Das Risiko, dass Übersetzerinnen und Übersetzer sich den zu fakturierenden Preis vom Kunden «diktieren» lassen oder niedrigere Preise akzeptieren, als sie benötigen, um ihren Lebensunterhalt angemessen zu bestreiten, verringert sich durch die Änderung der Fakturierungsart nicht.

Schlussfolgerung:

Es bleibt immer den Übersetzenden und den Kunden überlassen, Offerten zu akzeptieren, abzulehnen oder zu verhandeln. Ihrer Rolle – und vor allem ihrer Stärken – in diesen Verhandlungen sind sich viele nicht bewusst und verschenken somit Potenzial, das genutzt werden könnte, um ihre eigene Situation und Status des Berufsstandes zu verbessern.

Nicht die Art der Fakturierung, sondern allein das Marktverhalten, das Verhandlungsgeschick und die Fachkompetenz jeder einzelnen Übersetzerin und jedes einzelnen Übersetzers können dazu führen, dass ihre Arbeitsleistung einen höheren Marktwert und ihr Berufsstand ein besseres Ansehen bekommt. Hier bieten Berufsverbände wie z. B. der Schweizerischen Übersetzer-, Terminologen- und Dolmetscherverband (ASTTI) mit Fortbildungsmassnahmen und Mentoring-Programmen hervorragende Ansatzpunkte.

Ralf Lemster, Vizepräsident des BDÜ, gab mir folgende Antwort:

Die Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Übersetzungen ist ungebrochen. Anspruchsvolle Fachtexte erfordern spezialisierte Übersetzerinnen und Übersetzer – Experten, die neben linguistischer Kompetenz auch über Fachwissen in ihren Spezialgebieten verfügen. Diese Experten müssen ein auskömmliches Einkommen erzielen, um ihre spezialisierte Dienstleistung auch nachhaltig erbringen zu können. Diese Experten-Dienstleistung lässt sich nicht «industrialisieren» oder als Massengut behandeln. Insofern zielen auch die vielfältigen Ansätze, Effizienz im Übersetzungsprozess über (vermeintlich) immer ausgefeiltere Metriken abzubilden – und abzuschöpfen! – in die falsche Richtung. Experten stellen ihr Fachwissen zur Verfügung – die Messgröße hierfür ist die für die Leistung aufgewendete Zeit. Die gilt es angemessen zu vergüten, sei es über Stunden- oder Tagessätze oder durch pauschale Projektpreise.

Es gibt einige wenige Übersetzungsunternehmen, die bereits den Schritt hin zur zeitbasierten bzw. projektbezogenen Bezahlung unternommen haben – in der Breite dürfte dies absehbar noch auf Widerstände stoßen. Berufsverbände können und sollten auf die Probleme der zunehmenden «Überparametrisierung» (Gewichtungen für TM-Matches, Subsegment-Matches, MT-Vorschläge, die Wettervorhersage…*g*) hinweisen. Der BDÜ tut dies, steht aber auch noch am Anfang der Entwicklung. Bei der aktuellen BDÜ-Umfrage zur geschäftlichen Entwicklung gaben immerhin 9 % der Teilnehmer an, dass sie überwiegend mit Pauschal- oder Projektpreisen abrechnen – nur 2 % rechnet auf Zeitbasis ab.

Ergebnis BDÜ-Umfrage Abrechnungsmodi
BDÜ: Ergebnis der monatlichen Umfrage unter den BDÜ-Mitgliedern, Februar 2017

Abschliessend möchte ich dem BDÜ und dem ASTTI für die Beantwortung meiner Anfrage danken und die Leserinnen und Leser dieses Beitrags auffordern, ihre Meinung auf Twitter kundzutun und so eine Diskussion in Gang zu bringen.

Nachtrag vom 14. März 2017: Die Fortsetzung dieses Beitrags ist nun abrufbar.

  1. Man könnte fast zum Schluss kommen, dass Übersetzungen keinen Mehrwert schaffen. [return]