Abrechnung nach Zeitaufwand oder auf Projektbasis (Forts.)

Ich freue mich, dass die Diskussion zu adäquaten Abrechnungsmodi für Übersetzungen weitergeht.

In meinem Eintrag Abrechnung nach Zeitaufwand oder auf Projektbasis zählte ich einige Argumente auf, die in meinen Augen für eine zeit- bzw. projektbasierte Abrechnung von Übersetzungen sprechen. Während die Antwort des Schweizerischen Übersetzer-, Terminologen- und Dolmetscherverbands (ASTTI) eher skeptisch ausfiel, sprach sich Ralf Lemster vom Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ) tendenziell für eine solche Abrechnung aus (die vollständigen Antworten der beiden Berufsverbände sind im Kapitel «Stellungnahme der Berufsverbände» des oben erwähnten Beitrags wiedergegeben).

Daneben haben auch ein paar Übersetzerinnen und Übersetzer auf Twitter reagiert. Um nur einige Tweets zu nennen:

Dieser letzte Tweet mündete in einen interessanten Austausch.

 

Stellungnahme von UNIVERSITAS

Im vorliegenden Beitrag möchte ich aber vor allem die Antwort von Dagmar Jenner, Präsidentin von UNIVERSITAS Austria, Berufsverband für Dolmetschen und Übersetzen, zitieren:

Der Vorstand von UNIVERSITAS Austria und der Ausschuss für Übersetzen haben sich mit dem Vorschlag, Übersetzungen auf Stunden- bzw. Projektbasis abzurechnen, beschäftigt. Die Meinungen dazu gehen auseinander, weshalb wir hier keine abschließende Stellungnahme abgeben können. Grundsätzlich wissen wir aber den Denkanstoß zu schätzen und werden dieses Thema verbandsintern stärker behandeln und in Erfahrung bringen, wie unsere Mitglieder zu diesem Thema stehen.

Hier ein paar der Für- und Wider-Stimmen:

Wenn eine freiberufliche Übersetzerin eine Übersetzung erstellt, handelt es sich um die Erfüllung eines Werkvertrages – und das bedeutet, wir schulden dem Auftraggeber tatsächlich ein Werk, nämlich den Text. Anders als Kollege Rosenmund schreibt, werden wir nicht für unsere Fähigkeit an sich bezahlt, sondern für das Produkt dieser Fähigkeiten.

Grundsätzlich ist jede Übersetzerin frei in der Gestaltung ihrer Werkverträge. Je nach Besonderheiten eines konkreten Auftrages gibt es auch immer wieder Situationen, in denen eine Abrechnung (nur) nach Zeilen nicht ausreicht und die Leistung anders bemessen werden muss.

Allerdings: Es ist ja schon allein die Tatsache, dass es überhaupt «Normzeilen» gibt, also ein einigermaßen breit eingeführtes Standardmaß, eine Errungenschaft der Verbandsarbeit und durchaus nicht selbstverständlich. Es bietet Planungssicherheit für alle Beteiligten.

Junge Übersetzerinnen müssen auch bei der Verrechnung nach Zeilen «Lehrgeld» zahlen, weil sie in der Regel deutlich länger brauchen als erfahrene. Bei der Abrechnung nach Stunden würden sie wohl in der Praxis weniger Stunden verrechnen, als tatsächlich anfallen – «Lehrgeld» also da wie dort.

Es steht zu befürchten, dass sich an der Grundthematik – nämlich starker Preisdruck – nichts ändern wird, mit dem Unterschied, dass dann eben nicht über Zeilen-, sondern über Stundenpreise gefeilscht wird. Auf der anderen Seite gibt es die Einschätzung, dass uns die Abrechnung nach Stunden näher zu jenen Berufen rückt, deren Prestige für unseren Berufsstand erstrebenswert scheint, nämlich Anwältinnen, Steuerberater etc., wie im Blogbeitrag erwähnt. Auch sie wissen oft im Vorfeld nicht, wie viele Stunden für ein bestimmtes Projekt anfallen werden, was aber von der Kundschaft so akzeptiert wird. Oft wird auch eine Anzahlung verlangt und die geleisteten Arbeitsstunden sukzessive abgezogen. Das ultimative Ziel wäre es wohl, wie bei den erwähnten Berufen auch, sich dem Rechtfertigungszwang zu entziehen – egal, ob bei Zeilen- oder Stundenpreisen. Das ist nur durch selbstbewusstes Auftreten und starke Professionalisierung zu erreichen. Genau hier setzen alle Verbände an, insbesondere bei der jungen Generation.

Einige Vorstandsmitglieder haben gute Erfahrungen mit der Abrechnung auf Stundenbasis gemacht und dabei tendenziell höhere Preise erzielt als bei der Abrechnung nach Zeilen, etwa bei der Übersetzung von Websites direkt im Content Management System. Als Voraussetzung dafür scheint aber eine bereits bestehende vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Auftraggeberin zu gelten. Denkbar sind auch, wie von ASTTI erwähnt, Mischkalkulationen.

Zum Thema Translation Memories (TM): Wahrscheinlich wäre hier der geeignete Hebel, darauf zu drängen, dass TM denen gehören, die sie schaffen. Würden TM als das geistige Eigentum behandelt, das sie sind, so müssten Nutzungen durch andere als die jeweilige Autorin jedenfalls vertraglich vereinbart und angemessen abgegolten werden; die Übersetzerin hätte es überdies in der Hand, auf Einschränkungen der zu vereinbarenden Nutzungen zu bestehen (womit der Ausbeutung anderer Kolleginnen mithilfe ihrer TM ein Riegel vorgeschoben wäre).

Ich danke Frau Jenner für die differenzierte Stellungnahme.